
Das Standortgespräch ist ein zentrales Instrument in der beruflichen Grundbildung der Schweiz und spielt eine besonders wichtige Rolle für IT-Lernende. Es dient nicht nur der Leistungsbeurteilung, sondern fördert aktiv die persönliche und fachliche Entwicklung während der vierjährigen Ausbildung zum Informatiker oder zur Informatikerin EFZ. In diesem Artikel erfahren Sie, warum Standortgespräche so wichtig sind, wie sie strukturiert ablaufen und wie Sie sich optimal vorbereiten können.
Ein Standortgespräch ist ein strukturiertes Feedbackgespräch zwischen der lernenden Person, der Berufsbildnerin oder dem Berufsbildner und in vielen Fällen einer Beratungsperson. Das Berufsbildungsgesetz (BBG) schreibt in Artikel 20 vor, dass Lehrbetriebe den Lernerfolg ihrer Lernenden periodisch überprüfen müssen. Die Bildungsverordnung konkretisiert dies: Mindestens einmal pro Semester muss der Bildungsstand der lernenden Person festgehalten und besprochen werden.
Das Standortgespräch verfolgt dabei mehrere Ziele. Es ermöglicht eine systematische Überprüfung des Lernfortschritts und der erreichten Kompetenzen. Gleichzeitig dient es als Plattform für konstruktives Feedback aus verschiedenen Perspektiven und hilft bei der Identifikation von Stärken und Entwicklungspotenzialen. Darüber hinaus werden gemeinsame Ziele für das kommende Semester definiert und die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten gestärkt.
Der Bildungsbericht ist das zentrale Dokument für das Standortgespräch. Er dokumentiert den aktuellen Bildungsstand der lernenden Person und bildet die Gesprächsgrundlage. Das Ausfüllen eines Bildungsberichts ist obligatorisch und muss mindestens einmal pro Semester erfolgen.
Der Bildungsbericht verwendet ein standardisiertes Beurteilungssystem mit vier Stufen. Die Bewertung A bedeutet, dass die Leistungen die Anforderungen deutlich übersteigen. Bei B entsprechen die Leistungen den Anforderungen. C zeigt an, dass die Leistungen im Allgemeinen den Anforderungen entsprechen, aber kleine Lücken noch zu beheben sind. D signalisiert, dass die Leistungen den Anforderungen nicht genügen.
Die Beurteilung erfolgt in vier Hauptkategorien. Bei der Arbeitsausführung werden berufliches und fachliches Können, Interesse und Einsatzbereitschaft, Sorgfalt, Arbeitstechnik und Arbeitsorganisation sowie die Fähigkeit zum Erkennen und Lösen von Problemen bewertet. Das Arbeitsergebnis umfasst die Qualität und Quantität der Arbeit sowie die Pünktlichkeit und das Einhalten von Terminen. Die persönlichen Kompetenzen beinhalten Selbstständigkeit, Flexibilität, Belastbarkeit, Kreativität sowie Lernfähigkeit und Lernbereitschaft. Schliesslich werden Verhalten und soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Dritten, Kommunikations- und Kritikfähigkeit, Hilfsbereitschaft und Auftreten bewertet.
Ein typisches Standortgespräch dauert etwa eine Stunde und findet in der Regel nach zwei Monaten im Einsatzbetrieb statt. Die Beratungsperson besucht den Einsatzbetrieb und moderiert das Gespräch zwischen der lernenden Person und der vorgesetzten Person.
Das Gespräch folgt einer klaren Struktur mit sieben Themenbereichen. Zunächst werden die ausgeführten Tätigkeiten präzise beschrieben. Danach erfolgt ein Rückblick aus Sicht der Teilnehmenden, bei dem die Einführung, das Team, Lernfelder, Erfolgserlebnisse, Zielüberprüfung und Ressourcen besprochen werden. Der Rückblick und die Beurteilung aus Sicht der vorgesetzten Person umfasst die Bewertung von Arbeitsausführung, Arbeitsergebnis, persönlichen Kompetenzen sowie Verhalten und sozialen Kompetenzen.
Im Ausblick und der Planung des weiteren Einsatzes werden Modul 2 und die Förderung bezüglich Tätigkeiten besprochen. Administrative Themen wie Absenzen, Ferien, Arbeitszeugnis, Referenz und Fachzertifikat werden geklärt. Die Arbeitsmarktperspektive aus Sicht der vorgesetzten Person wird diskutiert, und schliesslich wird die Nutzung des vorhandenen Netzwerkes für die Stellensuche thematisiert.
Für Informatikerinnen und Informatiker EFZ, die eine vierjährige Ausbildung in den Fachrichtungen Applikationsentwicklung oder Plattformentwicklung absolvieren, sind Standortgespräche besonders wertvoll. Die IT-Branche entwickelt sich rasant, und die Anforderungen ändern sich ständig. Regelmässige Standortgespräche helfen dabei, die Ausbildung kontinuierlich an aktuelle Technologien und Marktanforderungen anzupassen.
In der Applikationsentwicklung liegt der Fokus auf Programmierkompetenzen, Software-Entwicklungsmethoden, Problemlösungsfähigkeiten und Kommunikation mit Kunden und Nutzerinnen. Bei der Plattformentwicklung stehen Systemadministration und Netzwerktechnik, Sicherheitskonzepte, Troubleshooting-Fähigkeiten und Serviceorientierung im Vordergrund.
IT-Lernende besuchen neben der Arbeit im Betrieb zwei Tage pro Woche die Berufsfachschule und absolvieren über alle Lehrjahre verteilt 35 Tage überbetriebliche Kurse (üK). Im Standortgespräch werden auch die Leistungen in der Berufsfachschule und den üK thematisiert, um ein ganzheitliches Bild des Ausbildungsstands zu erhalten.
Parallel zum Bildungsbericht führen die meisten Lernenden eine Lerndokumentation. In dieser halten sie ihren Lernprozess in Form von Lernberichten fest. Alle wesentlichen Arbeiten, erworbenen Fähigkeiten und Erfahrungen im Lehrbetrieb werden möglichst detailliert dokumentiert. Die Lerndokumentation dient als Nachschlagewerk für die gesamte Lehrzeit und kann in einigen Berufen sogar als Hilfsmittel für die Abschlussprüfung verwendet werden.
Die Berufsbildnerinnen und Berufsbildner kontrollieren die Lerndokumentation regelmässig und besprechen sie spätestens beim Ausfüllen des Bildungsberichts ausführlich. Aus der Lerndokumentation lassen sich der Bildungsverlauf, das berufliche Interesse und das persönliche Engagement der lernenden Person ersehen.
Eine gute Vorbereitung ist entscheidend für ein erfolgreiches Standortgespräch. Lernende sollten ihre Lerndokumentation auf den neuesten Stand bringen und wichtige Projekte und Erfolge notieren. Es ist hilfreich, sich über erreichte Ziele des letzten Semesters Gedanken zu machen und neue Ziele für das kommende Semester zu formulieren. Auch Herausforderungen und Schwierigkeiten sollten identifiziert und Lösungsvorschläge überlegt werden.
Berufsbildnerinnen und Berufsbildner sollten den Bildungsbericht sorgfältig ausfüllen und konkrete Beispiele für Beurteilungen sammeln. Die Lerndokumentation der lernenden Person sollte durchgesehen und Feedback zu schulischen Leistungen von der Berufsfachschule eingeholt werden. Zudem sollten Entwicklungsmöglichkeiten und Fördermassnahmen überlegt werden.
Um das Standortgespräch optimal zu nutzen, sollten folgende Punkte beachtet werden. Die Vorbereitung sollte rechtzeitig erfolgen, indem beide Seiten ihre Unterlagen bereitstellen. Eine offene Kommunikation ist wichtig – ehrliches Feedback hilft beiden Seiten weiter. Konkrete Beispiele sollten verwendet werden, um Beurteilungen nachvollziehbar zu machen. Gemeinsame Zielsetzungen sollten realistisch und messbar formuliert werden.
Die Dokumentation sollte sorgfältig erfolgen, indem alle Vereinbarungen schriftlich festgehalten werden. Ein Follow-up ist wichtig – die vereinbarten Massnahmen sollten im Alltag umgesetzt werden. Schliesslich sollte die Lerndokumentation kontinuierlich geführt werden, nicht erst kurz vor dem Gespräch.
Standortgespräche fördern eine positive Feedback-Kultur im Lehrbetrieb. Sie schaffen einen geschützten Rahmen, in dem sowohl Lob als auch konstruktive Kritik geäussert werden können. Für IT-Lernende ist dies besonders wertvoll, da sie lernen, ihre technischen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen und gleichzeitig ihre Soft Skills wie Kommunikation und Teamarbeit weiterzuentwickeln.
Regelmässige Standortgespräche tragen auch dazu bei, Ausbildungsabbrüche zu vermeiden. Probleme können frühzeitig erkannt und gemeinsam Lösungen gefunden werden. Dies ist besonders in der IT-Branche wichtig, wo der Fachkräftemangel gross ist und jede gut ausgebildete Informatikerin und jeder gut ausgebildete Informatiker wertvoll ist.
Die im Standortgespräch erworbenen Kompetenzen der Selbstreflexion und des Feedbacks sind auch nach der Lehre von grossem Wert. In der IT-Branche sind regelmässige Performance Reviews und Mitarbeitergespräche Standard. Wer bereits während der Lehre gelernt hat, konstruktiv mit Feedback umzugehen und eigene Entwicklungsziele zu formulieren, hat einen klaren Vorteil im Berufsleben.
Informatikerinnen und Informatiker mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis haben überdurchschnittlich viele Weiterbildungsmöglichkeiten. Die im Standortgespräch identifizierten Stärken und Interessen können bei der Wahl der passenden Weiterbildung helfen – sei es eine höhere Fachprüfung, ein Fachhochschulstudium oder spezialisierte Zertifizierungen.
Das Standortgespräch ist weit mehr als eine obligatorische Pflichtübung. Es ist ein wertvolles Instrument zur Förderung der persönlichen und fachlichen Entwicklung von IT-Lernenden. Durch die strukturierte Reflexion des Ausbildungsverlaufs, das konstruktive Feedback und die gemeinsame Zielsetzung trägt es massgeblich zum Ausbildungserfolg bei.
Für IT-Lernende bietet das Standortgespräch die Chance, ihre technischen Kompetenzen weiterzuentwickeln, ihre Soft Skills zu stärken und ein professionelles Netzwerk aufzubauen. Berufsbildnerinnen und Berufsbildner können durch regelmässige Standortgespräche die Qualität ihrer Ausbildung sicherstellen und gleichzeitig zur Entwicklung der nächsten Generation von IT-Fachkräften beitragen.
Nutzen Sie die Standortgespräche aktiv – sie sind ein Schlüssel zum Erfolg in Ihrer IT-Ausbildung und darüber hinaus.

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